Dem Frühling entgegen!

Mittelmeerküste und Süd-Pyrenäen im März/April (Frankreich, Spanien, Andorra)

Winterkoller! Wer kennt ihn nicht? Die dunkle, kalte Jahreszeit nimmt kein Ende und trotz allem Sehnen scheint der Frühling nicht näher zu rücken. Warum leiden und warten, wenn man dem warmen Motorradwetter doch auch einfach entgegen fahren kann? Auf nach Südfrankreich! Eine Idee, die trotz enormen Charme auf tönernen Füßen zu stehen scheint. Ob´s da unten im März wirklich schon viel wärmer ist als in hiesigen Gefilden? Sicherheitshalber packen wir alles ein, was auf dem Motorrad und des nachts im Zelt für wärmenden Komfort sorgen kann.

Einen Tag nach dem kalendarischen Frühlingsanfang starten wir gen Süden – unsicher ob unsere Idee genial oder blauäugig ist. Frische Schneefelder und eisige Temperaturen in der Eifel lassen uns zu Zweiterem tendieren. Tausend Kilometer weiter südlich sind die Zweifel deutlich verblasst und die Euphorie im Begriff, das Kommando zu übernehmen.

„Angekommen“ denke ich, als meine Hand in der Pranke von Josef verschwindet und der Zwei-Meter-Riese meinen Kopf an seine mächtig Brust drückt. Wenig später sitzen wir vor seiner “Le Moulin“ in der frühlingshaft warmen Sonne und trinken genüsslich unser erstes französisches Bier. Ah, wie das schmeckt! Hier fühlen wir uns wohl! Da kann uns auch die Nachricht, das der nächste Tag ein regnerischer werden soll, nicht aus der Ruhe bringen. Die Lösung liegt auf der Hand: Aussitzen! Josefs alte Mühle erfreut sich nicht ohne Grund seit Jahren bei Motorradreisenden großer Beliebtheit. 

Wir fachsimpeln über die knapp zwei Dutzend Motorräder, die er sein eigen nennt und schwelgen in Erinnerungen an Zeiten, als wir noch einfach drauf los fuhren statt zu planen. Ein Schlafsack war damals unser aller einziges Campingutensil. Selbstaufblasende Isomatten und Zelte? Fehlanzeige. Ja, da waren wir noch wild und sprangen morgens ohne Rückschmerzen auf! Bei süffigem Rotwein und Anekdoten en masse verfliegt die Zeit und keiner bemerkt das Nachlassen des Regens. Es soll übrigens der einzige Regentag bleiben, den wir auf unserem dreiwöchigen Wir-fahren-dem-Frühling-entgegen-Trip haben werden.

Wenig später ist unser Gesichtsausdruck allerdings grimmiger Verbissenheit gewichen angesichts eines Faktors den wir nicht auf dem Radar hatten: Der Mistral bläst mit Macht das Rhônetal entlang und zwingt uns zu stattlicher Schräglage selbst wenn es mal einfach nur geradeaus geht, was in diesem Eckchen Europas nicht allzu oft der Fall ist.

Wie schaffen es nur all die zarten Kirschblüten, nicht von der steifen Brise von den jungen Ästchen geblasen zu werden? Das wäre sonst ein Schauspiel angesichts der alles beherrschenden Kirschbaumplantagen, die wir an diesem Tag sehen! Ansonsten sind aber auch hier noch die Bäume kahl. Angesichts höchst angenehmer Temperaturen zum Motorradfahren ist das jedoch kein trister Anblick.

Vor dem blauen Himmel wirken die grauen Äste sogar malerisch und mangels Laub kann man dieser Tage noch so manches erspähen, das bald vor den Blicken neugieriger Reisender versteckt sein wird.

Dafür stehen die Wildblumenwiesen schon in voller Pracht – ein reizvoller Kontrast zum schneebedeckten Mt. Ventoux in der Ferne, dessen Pass erst Ostern freigegeben werden wird.

Eines wichtiges französisches Wort für Motorradreisende: Gorges = Schlucht! Von denen gibt es im Süden des Landes reichlich! Wir folgen der Gorges de la Nesque. Kurve folgt auf Kurve, immer wieder fotogene Tunnel, reichlich immergrüne Gehölze wie Steineiche und Buchsbaum, kaum ein Auto, dafür viele Radfahrer, die wir bewundern aber nicht beneiden.

Mein favorisierte körperliche Anstrengung bei Steigungen ist ehrlich gesagt ein beherztes Drehen des rechten Handgelenks und kein schweißtreibendes in die Pedale Treten. Bei solch strammer körperlicher Ertüchtigung zuzuschauen schreit förmlich nach einem ungesunden, kalorienreichen Gegengewicht: Es stellt sich prompt ein Heißhunger auf süße Backwaren ein, den wir in einer exzellenten Konditorei in einem touristischen Bergdörfchen stillen. Vor dem Erfolg kam allerdings die Suche: Mittags machen in Südfrankreich scheinbar alle Geschäfte und sogar viele Tankstellen für einige Stunden zu.

Höchster Pass der heutigen Tagesetappe: 998 m. Dort zeigt das Termometer 12°C. Danach geht es auf 300 m runter, wo es 20° sind. So hatten wir uns das erhofft!

 

Früh morgens um 8.00 Uhr, wenn noch kein Tourist und kein an ihnen verdienender Einheimischer unterwegs ist, steure wir die Vancluse Quelle an.

Die letzten paar Hundert Meter geht es per pedes durch die enge Schlucht mit dem glasklaren Fluss, dessen Ursprung ein Teich am Fuße einer steilen Felswand ist, von der alle paar Minuten Steinschlag herabkommt. Im heißen Sommer muss die Verlockung enorm sein, in diesen unglaublich klaren Teich zu springen. Aber vielleicht ist dann hier alles so voller Menschen, dass der Wunsch gar nicht aufkommt?

 

Als wir durch die von Überschwemmungsflächen geprägte Camargue rollen, schweifen unsere Blicke nach links und rechts suchend übers flache Land. Unsere Tiersichtungswunschliste ist klar definiert: Schwarze Stiere, weiße Pferde und rosa Flamingos sind die Markenzeichen dieses malerischen Landstrichs und wir erspähen sie tatsächlich überall.

Die „Raco die Biou“, die typischen Stiere der Camargue werden übrigens für unblutige Stierkämpfe („Course Camargue“) eingesetzt. Einige sind echte Legenden, denen ihre Fans Denkmäler gesetzt haben. Wir sehen immer wieder ein Stierkampfplakat, auf dem klar wird, wer die Helden sind: Es zeigt keinen einzigen Torero, dafür ein halbes Dutzend Stiere mit Bild und Namen.

Vermutlich gibt es angesichts der enormen Wasserflächen hier allerdings im Sommer noch eine weitere dominante Tierart, über die in den Hochglanzbroschüren der Touristikämter geschwiegen wird: Mücken! Schon jetzt sind sie reichlich unterwegs. Mit zunehmender Temperatur dürften sie zur Plage werden.

Frösche quaken unbekümmert ein letztes fröhliches Liedchen, bevor sie mit Schenkel und allem Drum und Dran als Delikatesse im Schnabel eines Storches landen. Apropos: Für Ornithologen ist die Camargue ein Paradies. Wohin man schaut, zwitschert und flattert es.

Drei Euro soll die Fähre für jedes Krad kosten, aber der Fährmann erlässt uns augenzwinkernd das zweite Ticket. Nette Geste, die uns prompt gute Laune beschert! Die nächst Fähre wenig später ist dann sogar ganz offiziell für lau.

 

In einem kleine Städtchen schaltet die Ampel vor uns auf rot. Wir lassen die Motorräder gemütlich ausrollen und zucken im nächsten Moment verschreckt zusammen. Ein Moppedfahrer knattert mit Vollgas an uns vorbei und bei Tiefrot über die Kreuzung. Andere Länder, andere Sitten. In Frankreich muss man offensichtlich auf Aktionen vorbereitet sein, die in Deutschland nicht zu unserem normalen Spektrum gehören.

 

Le Baux-de-Provence ist ein viel gerühmtes Mittelalter-Städtchen, das offensichtlich nicht nur uns angelockt hat. Mehrere Reisebusse spucken schon zu früher Stunde ihre Fracht aus und eine endlose Polonaise von Touristen wandert den Berg hoch. Da sind keine großen Worte nötig, um sich zu verständigen. Wir klappen beide unisono den Seitenständer wieder hoch und starten durch. Manche Sachen können wir nun mal nicht wirklich inmitten von Menschenmengen genießen!

In Saintes-de-la-Mer quartieren wir uns auf dem örtlichen Campingplatz ein und gönnen uns in einem der wenigen, um diese Jahreszeit bereits geöffneten Restaurants ein typisches Menü: Als Vorspeise eine Fischsuppe der Camargue. Die Portion ist üppig, der Geschmack bescheiden. Dafür sind die „Moules Marinee“ ein Offenbarung, auch wenn wir die französische Unsitte bedauern, die köstlichen Schalentiere mit Fritten zu degradieren, statt sie mit landestypischem Baguette zu reichen, mit dem man den köstlichen Sud aufsaugen könnte.

Wegen des nach wie vor starken Windes, vor dem es kein Entweichen zu geben scheint, hatten wir uns zum Zelten ein geschütztes Plätzchen in einem Heckenwinkel gesucht, der fatalerweise anderntags zur Morgenröte zum Amphitheater der vereinigten Vogelchöre mutiert. Der vielstimmige Weckruf aus einigen Dutzend Vogelkehlchen scheucht uns im Nu aus unseren Federn. Getreu dem oft ungeliebten Motto „der frühe Vogel fängt den Wurm“ rödeln wir flux die Kräder auf und sind mit unbändigem Tatendrang schon um 7.00 Uhr auf Achse.

Dank Sommerzeitumstellung geht die Sonne nun abends eine Stunde später unter. Unterm Strich ändert es allerdings nichts an der Gesamtzahl von Tageslichtstunden, die zu dieser Jahreszeit einfach geringer ist, als wenn man im Hochsommer auf Tour geht. Das macht sich in weniger Stunden zum Motorradfahren und damit deutlich geringeren Tageskilometerleistungen bemerkbar, als man es sonst von Reisen gewöhnt ist. Aber bei dem Bombenwetter, das wir erwischt haben, wollen wir nicht klagen!

Dank des Rotweins, den wir heute an einer der vielen Weingenossenschaften mit Direktverkauf erstanden haben, ist die Abenddämmerung zudem doppelt schön! Ob´s tatsächlich ein edles Tröpfchen ist oder unsere Begeisterung für den Roten vom allgemeinen Glücklichsein kommt - wir werden es nie raus finden und eigentlich ist es auch ganz unwichtig!

Aigues-Morte beeindruckt mit einer gigantische Stadtmauer, in das sich ein fotogenes Städtchen mit engen Gassen und vielen Souveniershops schmiegt. Beim Picknick vor den Toren der Stadt schauen wir relaxt einem Paraglider zu, der sich unermüdlich, aber leider vollkommen erfolglos abmüht, um in die Lüfte zu steigen. Bei der steifen Brise hier in der Gegend bestimmt kein Sport für Anfänger oder Ängstliche.

360-Grad-Kino: Wenn wir in die andere Richtung schauen, dann leuchten uns die Salzberge der Salin du Midi entgegen.

Wir folgen der Mittelmeerküste. Von le Grau Du Roi bis Sete geht es über zig Landzungen und Fahrdämme quasi durchs Meer hindurch: Tolle Perspektive, viel zu sehen, aber aufgrund des strammen Windes nichts für Fahranfänger. Uns macht´s Spaß, aber Hochmut kommt vor dem Fall: Wir stellen die Kräder bei mäßigem Wind in einem Wäldchen ab und werden wenige Minuten später mit einem lauten Rumms davon in Kenntnis gesetzt, dass an dieser Stelle der Wind mit extrem kräftigen Böen bläst. Trauriger Beleg dafür: Simons Bonni liegt auf der Seite, der Bremshebel gehört fortan in die Kategorie „customized“ und das Helmvisier wird trotz der Sprünge hoffentlich noch für den Rest der Tour durchhalten.

An der Lagune von Leucate schauen wir Windsurfern beim Wellenritt zu. Vor dem Panorama der schneebedeckten Berge ein einzigartiger Anblick!

Die Grenze zu Spanien wird durch die Pyrenäen markiert, die bis ans Meer reichen.

 

Die kurvige Straße windet sich über winzige Pässe, von wo sie stets aufs Neue den Blick auf kleine Städtchen frei gibt, die sich in die felsigen, engen Buchten zu quetschen scheinen. Schlagartig ist der Wind weg, der in den letzten Tagen unser steter Begleiter war.

 

Die Temperaturen nehmen zu. Eidechsen sonnen sich auf dem Teer und auch die Kakteen am Wegesrand passen perfekt ins Bild.

Die Fahrt zum Cap de Creus ist eine Sackgasse, womit ich mich stets ein wenig schwer tue, aber diese lohnt sich echt. Grandiose Mischung aus Flora, Felsen, Tümpeln und Meeresausblicken. Wie auf einer Kirmesachterbahn möchte man am Ende am liebsten rufen: Nochmal! Naja, in gewisser Weise wird der Wunsch erfüllt, weil man ja wieder in der eigenen Spur zurück fahren muss. Das ist aber keine Strafe, sondern ein Genuss. Zig Fotostopps an immer wieder neuen, tollen Stellen machen aus dieser eigentlich nur wenige Kilometer langen Tour ein mehrstündiges Erlebnis. Sehr zu empfehlen, um mal für ein, zwei Stündchen oder auch einen ganzen Tag zu wandern.

Die Straße zum Parc Natural del Cap de Creus ist übrigens für Wohnwagen/-mobile verboten, wodurch der Besuch zum exklusiven Trip wird, der den meisten der deutschen Reisenden zu dieser Jahreszeit vorenthalten bleibt. Apropos: Mit Einbruch der Osterwoche werden wir schlagartig daran erinnert, dass es noch Deutsche unter 65 Jahren gibt. Denn die stellten mit ihrer weißen Wohnmobilflotte die dominierende Mehrheit der Urlauber zu dieser Jahreszeit an der französischen und spanischen Mittelmeerküste dar. Nun mischen sich auch einige Familien unter die „Snowbirds“, wie die winterflüchtigen Rentner in Nordamerika genannt werden.

Eigentlich war es ein Navigationsfehler, aber eben der stellt sich am Ende als grandioser Abstecher heraus: 18 km lang geht es um unzählige enge Kurven auf einem schmalen Teerband „gen Himmel“, bis man auf dem Mare de Déu del Mont (1124 m) mit einem grandiosen Rundumblick auf weiße Gipfel und die grüne Ebene in der Tiefe belohnt wird.

Wir folgen den Pyrenäen in Richtung Atlantik. Das tägliche Picknick lassen wir uns heute in Besalú an der mittelalterlichen Brücke schmecken. Wir genießen die Sonnenstrahlen, schwitzen im T-Shirt und sehen uns genötigt, die Motorradhosenbeine hochzukrempeln, um für Ventilation zu sorgen.

Wenn der Kalender uns nicht eines Besseren belehren würde, so könnten wir kaum glauben, das es Ende März ist.

Unser Zelt schlagen wir später auf dem Collade di Toses (1790 m) bei toller Fernsicht auf. Morgens küsst uns die Sonne an dieser exponierten Stelle wach.

Dennoch sind die Temperaturen bei der Weiterfahrt frisch und im Schatten liegt überall noch Schnee.

 

Kurz vor der Grenze zu Andorra stopp uns die spanische Polizei: „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“. Die Frage, ob wir zum Frühstück Alkohol getrunken hätten verwundert uns dann aber sehr. Der freundliche Polizist klärt uns schmunzelnd auf, dass hier in Katalonien ein Kaffee mit Schuss oder ein Gläschen Wein des Morgens nicht unüblich seien. Derweil gleicht sein Kollege unsere Kennzeichen mit der katalanischen Verkehrssünderdatei ab. Hier wird nämlich beim Blitzen von hinten fotografiert und die Kennzeichen wandern dann automatisch in die Datenbank. Wenig später setzen wir erleichtert und im Vollbesitz unserer Reisekasse unsere Fahrt nach Andorra fort. Wir sind schon gespannt, ob der Zwergstaat tatsächlich nichts anderes als billiges Benzin, Discount-Zigaretten und preiswerten Alkohol zu bieten hat. In der Tat ist der erste Eindruck wenig begeisternd: Ein enges Tal, das dicht bebaut ist. Gebäude und selbst die Straßen sind vielstöckig. Der große Anteil an Motorrädern und Rollern fällt uns auf. Shops für Motorradbekleidung und Ersatzteile, wohin man schaut. Vom Haupttal zweigen wir zu einem der vielen Wintersportgebiete ab, wo wir auf rund 2000 Meter Höhe in Arinsal am Fuße der Skipiste am "Pique-Nique"-Platz frühstücken.

Für die Weiterfahrt Richtung Osten wählen wir kleinste Sträßchen, auf denen uns kein einziges Fahrzeug entgegen kommt. Kurze Zeit später wissen wir warum: Der Asphalt wird zur Dreckspiste, die sich über unzählige enge Schotterkehren, die zum Teil noch dick vereist sind, ins Tal hinab windet. Da Umkehren nicht zu unseren Lieblingsdisziplinen gehört, halten wir stur an unserer Route fest, auch als uns vier Trialmotorradfahrer im Stehen entgegen kommen, die uns Schlimmes ahnen lassen.Als wir nach einigen schweißtreibenden Passagen am Ende wieder festen Teer unter den Rädern haben, atmen wir erleichtert auf. Immerhin hat sich bewiesen, dass selbst das als langweiliges Shopping-Eldorado verschrieene Andorra eine Prise Abenteuer zu bieten hat.

Über die Nationalstraße geht es zügig weiter Richtung Frankreich. Rings um uns brummt der Wintersport auf vollen Touren und die in modische Skikleidung gewandeten Menschen starren uns wie Aliens an. Es geht zwischen üppigen Schneefeldern und -Wänden hindurch nach Port D'Envalira (2.408 m) hinauf. Aus den 20°, die das Thermometer im Süden Andorras noch anzeigte, sind mittlerweile mickerige 5,6 geworden, was der Stimmung allerdings keinerlei Abbruch tut.

An Karfreitag lockt uns die französische Stadt Pergignan mit einem besonderen Umzug: der „Procession de la Sanche“. In schwarze und rote Gewänder mit spitz zulaufenden Kapuzen sind die Gestalten gehüllt, die zu Hunderten durch die Gassen ziehen

Was auf den ersten Blick nach farbverirrten Ku-Klux-Klan-Anhängern aussieht, ist in Wirklichkeit die Bruderschaft des kostbaren Blutes (katalanisch: Sanche). Sie erinnert mit ihrem Bußumzug an die Leiden Christi. Früher übernahmen sie auch die Begleitung Hinzurichtender. Dabei verlieh eine von allen getragenen Kapuze dem Verurteilten Anonymität und bewahrte ihn davor, vom Mob frühzeitig gelyncht zu werden. Mächtige Kreuze, Jesusskulpturen und manch anderes Sakrales wird von den Kuttentypen und von schwarz gekleideten Frauen durch die Menge getragen. Sehr eindrucksvoll!

 

In Sachen Wind haben wir auf dieser Tour schon einiges ertragen, aber die Gorges de Galamus setzt dem die Krone auf: Die Warnhinweise am Eingang zur Schlucht haben wahrlich ihre Berechtigung, wie wir schon nach wenigen Metern feststellen müssen. Alter Schwede, bläst es hier zwischen den hohen Felswänden hindurch! Wir haben extreme Schwierigkeiten, um die Kurve zu kommen und nicht über das fahrbahnbegrenzende Mäuerchen zu kippen. Abgesehen von diesem nicht zu unterschätzenden Handicap ist die Gorges de Galamus große Klasse.

Überall auf der Welt werben touristisch orientierte Städte gerne für „ihr Produkt“ mit überdimensionalen Skulpturen im Stadtzentrum oder am Ortseingang: Große Weinflaschen, gigantische Hummer, Forellen, Schafe und Stiere, mega Wassermelonen oder Spargelstangen – wir haben schon einiges in der Richtung bestaunt. Aber was will uns das beschauliche Bedarieux mit seinen überdimensionalen Ameisen sagen? Falls der Ort tatsächlich für seine riesigen Ameisen bekannt sein sollte, so wäre das aus unserer Sicht kein urlauberlockendes Argument. Sei´s drum, wir haben mächtig viel Spaß beim Quatschfotos schießen mit den Monsterameisen, auf denen wir Rodeo reiten und uns unter dramatischem Geschrei von ihnen auffressen lassen.

Auf einer Piste tuckern wir am Nordufer des Lac du Salagou entlang. Rote Erde, blau schimmernder See und saftig grüne Natur – die Szenerie ist betörend. Ungeteerte Pisten sind in Frankreich übrigens keine Seltenheit und auch mit Straßenreifen in der Regel gut zu befahren. Der Vorteil des fehlenden Asphalts: Weniger Touristen und keine Wohnmobile!

Und wieder eine „Gorges“, von denen es hier unten so wunderbar viele gibt: die Gorges de l'Hérault. Ein wildes Flüsschen hat sich tief ins Gestein eingeschnitten. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht. Immer wieder geht es durch schattige Tunnel.

 

 

 

Die nächste im Reigen avanciert dann gar zu unserem Favoriten: Die Gorges du Tarn!

Stundenlang sind wir auf dem schmalen Sträßchen unterwegs. Zur Hochsaison dürfte eben das zum Problem in Form von Stop-and-go-Verkehr werden. Aber Anfang April haben wir die Strecke noch fast für uns alleine und können unser Tempo nach eigenem Gusto wählen und immer wieder zum Knipsen anhalten, ohne um einen Parkplatz in einer der wenigen Haltebuchten kämpfen zu müssen.

 

Am jenseitigen Ufer des grün schimmernden Flüsschens gibt es immer mal wieder kleine, höchst pittoreske Siedlungen, die oftmals keinen Straßenanschluss haben und nur über Lasten-Drahtseilbahn versorgt werden. Im Gegensatz zur weltberühmten und touristisch auch zu dieser Jahreszeit weit stärker frequentierten Gorge D'Ardeche kann man den Reiz der Gorges du Tarn übrigens erstklassig „erfahren“. Bei der D'Ardeche bekommt man aus dem Sattel heraus hingegen wenig bis nichts zu sehen. Da muss man an den vielen Aussichtspunkten halten und von dort in die Tiefe blicken.

Im Bereich der Gorges du Tarn gibt es viele Geier, die wir mit gemischten Gefühlen Kreise über uns ziehen sehen: Tierfreundin Simone ist begeistert, ich bin da jedoch ein wenig abergläubig und kann ein flaues Gefühl nicht leugnen.

Bei Josef in der Mühle schließt sich der Kreis im übertragenen wie geografischen Sinne. Dem armen Kerl müssten eigentlich die Ohren bluten angesichts unserer nicht enden wollenden Lobeshymnen auf die extrem motorradreise-tauglichen Landschaften und das Bomben-Wetter. Da es von beidem reichlich hier unten gibt, dürften wir nicht die einzigen sein, die ihm solchermaßen vorschwärmen. Er nimmt es gelassen und erwidert nur lapidar: „Was glaubt Ihr, warum ich nicht mehr im Rheinland sondern hier lebe?“ In dem Moment wird uns schmerzlich bewusst, dass wir nun erstmal in Josefs alte und unsere aktuelle Heimat zurück müssen: Nach Norden, wo der Frühling noch mit dem Winter kämpft und die Temperaturen mit denen hier unten bei weitem nicht mithalten können. Aber wir nehmen die Sonne in unserem Herzen mit und den Frühling hoffentlich im Schlepptau! Neben dem großartigen Vorgeschmack auf warme Monate hatte der Reisezeitpunkt einen weiteren enormen Vorteil: Zu dieser Zeit waren vergleichsweise wenig Touristen unterwegs und wir konnten manche Naturattraktion, die zur Hauptsaison in Menschenmassen absäuft, in Ruhe genießen.

 

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