Chile Teil 6 – Januar 2012
Am Wochenende ist in La Calera (65 km nördlich von Valparaiso) Motorrad-Treffen beim MC Sin Fronteras (= ohne Grenzen).
Henry, der Präsi des Clubs, hat uns eingeladen, schon einige Tage früher bei ihrem Clubhaus „La Posta del Viajero en Moto“ vorbeizukommen. Die Namensgleichheit mit Jorges Treffpunkt für Motorrad-Globetrotter in Azul (Argentinien) ist kein Zufall.
Mehr dazu in unserer Rubrik Anlaufstellen für Motorrad-Reisende.
Als wir montags ankommen, wird noch fleißig gebaut. Viele Club-Member und Freunde packen kräftig mit an.
Auch Slayer vom MC D`generados hilft mit Flex und Schweißgerät beim Bau. Er lädt uns für den nächsten Tag zu sich zum Mittag-Essen ein.
Seine Frau Katrin und die Kids sind unklompliziert und super nett, das typisch chilenische Essen ist lecker und die Atmosphäre sehr entspannt. Klasse. Das mögen wir!
Weil es so gut geschmeckt hat und Katrin uns zudem noch anbietet, unsere Sachen bei ihr zu waschen, sagen wir gerne zu, am nächsten Tag nochmal zu kommen! Südamerikanische Gastfreundschaft ist spitze!
Heute heißt es jedoch: Gas geben! Henry hat schon angerufen, daß wir dringend zurück erwartet werden. Der Reporter von der lokalen Zeitung wartet schon auf uns.
Dabei fällt mir auf, daß wir es noch nie hinbekommen haben, eines der Zeitungs-, Radio oder Fernseh-Interviews zu sehen bzw. zu hören, die von uns in Mittel- und Südamerika gemacht wurden.
Die fünf Tage bis zum Beginn des Treffens vergehen wie im Fluge, was nicht zuletzt an der relaxten Atmosphäre und der Rund-um-sorglos-Betreuung liegt.
Simons Hinterreifen wird von den „Mainzelmännchen“ gewechselt: eben stand da noch das ausgebaute Rad sammt neuen Reifen vorm Clubhaus, im nächsten Moment bringt uns ein Clubmember zu unserer Verwunderung das in der nächsen Reifenbude montierte Rad.
Herzstück und Motor des Clubs sind eindeutig Präsi Henry und seine Frau Angelica, die im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlich für Ihre Gäste da sind (Schlaf ist während der Rally für sie ein
Fremdwort).
Ohne Angelicas Charme-Offensive hätte der örtliche Leder-Schneider sich nie dazu herabgelassen, meine olle Zunfthose zu reparieren. Großartig, wie sie diesen Muffel um den Finger gewickelt hat!
Freitag geht’s dann endlich los!
Wie in Südamerika üblich, findet das Treffen im städtischen Park statt. In Deutschland kann man sich so was schwerlich vorstellen.
Und wir reden in diesem Fall nicht von einer vermüllten Grünfläche, wie man sie in Argentinien manchmal erlebt, sondern von einem gepflegten Park-Gelände mit schattenspenden Bäumen und mit einem Pool! Eine Wohltat bei den hier herrschenden Temperaturen.
Vom Club engagierte Promo-Girls lassen sich unermüdlich mit den Gästen ablichten.
Nachmittags basteln wir noch aus einem alten Sweat-Shirt von mir und unserem Küchenbrettchen, das nicht mehr nach Neuseeland mit kommen soll, eine Freundschafts-Trophäe. Allein die Reisbrettstiftchen dafür in der örtlichen Eisenwarenhandlung aufzutreiben, war mal wieder eine kommunikative und phantomimische Meisterleistung des Krad-Vagabunden-Teams.
So haben wir abends ein Geschenk, mit dem wir uns für den obligatorischen „Pokal“ revanchieren können.
Das Pärchen neben mir auf dem Foto sind übrigens Luis und Maria-Jose, zwei Argentinier, mit denen wir uns super verstanden und viel Zeit verbracht haben.
Die beiden wollen auch erst am Montag weiter reisen und so lassen wir unsere Zelte im Park stehen und fahren fix die 60 km nach Vina del Mare zur Hells Angels Tattoo-Convention.
Die gemeinsame Fahrt sammt gegenseitigem Fotographieren hat dabei mehr Spaß gemacht, als die Convention selbst.
Noch nie war ich auf einer so schlecht beleuchteten Tattoo-Messe, wie dieser. Die Mini-Veranstaltung findet in einer Bar statt und so sind auch die Lichtverhältnisse: die Leute müssen teilweise selber Schreibtischlampen und ähnliches in der Hand halten, während sie tätowiert werden.
Die Rock-n-Roll-Band war der einzige Lichtblick.
Ich reiße im Fahren meine linke Faust empor und stoße einen Jubelschrei aus! Simon versteht das Signal, schließt zu mir auf, zieht auf gleiche Höhe und wir werfen uns Kußhände zu!
Grund für unsere überschwengliche Euphorie ist die 100.000-km-Marke, die wir gerade geknackt haben!
Nie hätten wir hier so viele Kurven vermutet. Auf der Strecke Illapel – Ovalle – Hurtado geht es für einige 100 km so gut wie nie gerade aus. Alles schön geteert, so daß man all die Kurven richtig genießen kann.
Erst kurz vor Hurtado wird es holprig und bis Vicuna sind es dann ca. 70 km staubige Piste mit vielen Kehren.
So weit das Auge reicht: Stacheliges, Stacheliges und nochmal Stacheliges!

Stacheldraht nervt uns immer, da er unsere Freiheit, wild zu campen, einschränkt.
Aber die Kakteen sind wir auch nach eineinhalb Jahren noch nicht leid. Vom Süden der USA bis hier hin waren sie mehr oder weniger beständiger Teil der Landschaft. Die Artenvielfalt ist unglaublich. Immer wieder entdecken wir für uns neue Spezies, die ganz anders aussehen, als alle, die wir bisher kannten.
Von dort geht es dann ins Elqui-Tal, wo der Kontrast zwischen künstlich bewässerten tief-grünen Argrarflächen und der natürlichen Wüstenlandschaft besonders krass ist.
Je näher wir Vicuna kommen, desto mehr Wein- und Obstbau sehen wir.

Auffällig der Unterschied zum heimischen Bild eines Weinberges:
aus Europa kennen wir es „heckenartig“.
Hier in Chile bilden die Weinreben ein dichtes Dach, das den Boden vor der Sonne und der Austrocknung schützt.
Das Elqui-Tal ist das Zentrum der chilenischen Pisco-Industrie. Hier gibt es neun Destillerien, die den beliebten Traubenschnaps erzeugen.
In Vicuña machen wir für 1.500 CLP (ca. 2 EUR) eine Führung bei der Nummer 1: Capel.
Trotz auschließlich spanischsprachiger Erklärungen ist der Besuch recht interessant und es gibt einige erstklassige Fotomotive.
In den letzten Wochen habe ich einiges zum Thema Bienenallergie gelesen. Im letzten Kapitel erwähnte ich ja auch schon die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung. Dabei wird dem Patentienten in immer größeren Dosierungen und später dann immer länger werden Abständen Bienengift vom Arzt injeziert, um so eine Gewöhnung an den Allergie auslösenden Stoff zu erzeugen.
Daß das Ganze auch „einfacher“ geht, sehen wir auf dem Place Central in Vicuña.
Die Dame, die vermutlich auf Bienengift allergisch ist und zur Belustigung aller Umstehenden alles andere als vorfreudig angesicht der anstehenden Behandlung ist, bekommt erstmal für ein Weilchen einen Eisbeutel in den Nacken gelegt.
Derweil entnimmt der Fachmann mit einer Pinzette einem großen Einmachglas eine der vielen Bienen, die darin rumschwirren.
Die wird dann gekonnt an einer vorher im Nacken markierten Stelle angesetzt, so daß sie die Patientin sticht.
Eins haben wir auf dieser Reise gelernt: sich auf Begegnungen einzulassen.
Offenheit und Gedult wird auch im jüngsten Fall belohnt: eigentlich mag ich den Typ gar nicht, der da mit dem Handy telefonierend um unsere Motorräder rum schleicht.
Dann entwickelt sich aber das übliche Gespräch und es kommt raus, daß er selber ne 700er Transe fährt und auch schon ein paar ordentliche Reisen mit ihr gemacht hat.
Am Ende werden wir noch in sein Fischgeschäft (=Pescaderia) zu Muscheln und Ceviche eingeladen. Letzteres ist roh zu essender Fisch – allerdings anders zubereitet, als das gleichnamige Nationalgericht in Peru. Vor allem Simon fährt auf das Zeug nach wie vor voll ab – trotz schmerzlicher Erfahrungen damals in Lima.
Ca. 100 km südlich von Valparaiso fahren wir auf Empfehlung eines Motorradfahrers, den wir neulich getroffen hatten, einen Campingplatz an, der angeblich nur 3.000 CLP ((4 EUR) pro Person kosten soll. Das ist ansich kein Hammer-Preis, aber im Januar und Februar explodieren in Chile die Übernachtungspreise (auch für Campingplätze) und speziell hier an der Küste ist alles sau teuer. Campgrounds rufen hier in der Regel um die 14.000 CLP pro Zelt auf und das bei oftmals eher bescheidenem Niveau.
Da sind wir angenehm überrascht, als in El Tabo auf dem Campingplatz „El Bosque“ (S33°26.959 W071°40.453) tatsächlich nur die 6 Mille für uns beide fällig sind (außerhalb der Hochsaison wären es sogar nur 4.000).
Da wir Wochenende haben und viele von Santiago an die Küste kommen sind, ist am Strand einiges los, ohne das es allerdings unangenehm voll wäre.
Vielleicht liegt es an den vielen Algen, die die Wasserfreuden etwas trüben daß sich die Menschenmassen hier in erträglichen Dimensionen halten?
Mir sind die Algen herzlich egal, denn schon als ich nur meine Füße in den Pazifik stecke, weiß ich: da geh ich freiwillig nicht rein. BRRRRRR!
Selbst Iron-Simon quitsch kräftig angesichts der erfrischenden Temperatur.