Argentinien/Chile Teil 4 – Dezember 2011

Der Rio Colorado bildet die Nord-Grenze des argentinischen Patagonien.
Südlich von Malargüe heißt es daher Abschied nehmen für uns von dieser Region, in der wir fast zwei Monate verbracht haben und die sich uns weit vielfälter und gastlicher gezeigt hat, als wir es erwartet hatten.

Südöstlich von San Rafael gibt es den „best ride“ weit und breit :
Kurz hinter El Nihuil geht es über Serpentinen in den Canon de Atuel runter.

Für rund 30 km fahren wir über eine ordentliche Schotterpiste durch eine Schlucht vom Feinsten: 

Hinter jeder Kurve ein neuer Fotografier-mich-Ausblick:

Teilweise fühlen wir uns an Kapadokien (Türkei) erinnert.

Zwei der vielen Kakteen müssen dann noch für unseren diesjährigen Weihnacht- und Neujahrsgruß herhalten:

Nachdem wir wieder oben auf der Ebene sind, kommt dieser See. Irgendwie erwartet man, daß jeden Moment das urzeitliche Monster, dessen Rücken man da aus den blau-grünen Wassern ragen sieht, seinen Kopf aus dem Wasser streckt und Einen anschaut.

Der nördliche Teil der Strecke geht dann durch das Valle Grande. Unzählige Rafting-Anbieter und überteuerte Campingplätze reihen sich dicht an dicht. 

 

 

Typisch argentinisch: immer wieder sieht man am Straßenrand  Berge von Pet-Falschen. Das sind keine wilden Müllkippen, sondern Opfergaben an einem der unzähligen Schreine zu Ehren der Difunta Correa. Die ist einst in der Wüste verdurstet und ihr Baby hat weiter an ihrer Brust gesaugt und so überlebt, bis es Gauchos fanden. So die extrem populäre Legende. 

 

Auf einem Campingplatz in der Nähe von Mendoza treffen wir zwei Tage später auf Annette und Kai und ihre „Dreiradente“. 

Cooles Pärchen, das schon richtig viel von der Welt per Gespann bereist und entsprechend einige gute Anekdoten auf Lager hat. Selbstredend, daß die Abende mit den beiden lang werden.

Bei unseren Eseln haben die Lenkkopflager vom vielen Pistenfahren Spiel bekommen.
Fachmann Kai führt vor, wie man mit Hammer und Zelt-Hering das Lenkkopflager auch ohne passenden Hakenschlüssel nach-“ziehen“ kann.

Die Testfahrt zeigt leider nach wie vor ein signifikantes Schlackern des Lenkers bei meiner Transe.
Nach einigem Suchen entdecke ich den Übeltäter: der Hinterreifen. Schon wieder massive Profilablösungen!
Das war schon beim letzten Metzeler Tourance (made in brasil) ein fettes Problem gewesen und hatte uns zu über 800 km Umweg gezwungen, um einen neuen Schlappen aufzutreiben.
Und eben der zeigt nun auch nach wenigen 1.000 km schon massiv ähnliche Erscheinungen. Ich bin gut angepißt und nehme mir vor, nie wieder Metzer Tourance zu fahren – zumindest keinen mehr, der in Brasilien produziert wurde. 

Da der letzte ja trotz Brüchen bis auf die Karkasse ohne Probleme die über 400 km bis Comodore geschafft hatte, traue ich diesem hier auch noch die 300 km bis Santiago zu. In Chile sind Motorradreifen nämlich sehr viel billiger.

Tja, das war dann wohl eine Fehleinschätzung, wie ich 100 km westlich von Mendoza zähneknirschend zugeben muß. Innerhalb weniger Kilometer wird der Reifen plötzlich nahezu unfahrbar.
Wie ich später beim Reifenwechsel erkenne, haben sich handtellergroße Blasen zwischen den Reifenschichten gebildet, wodurch sich ein tiefsand-ähnliches Fahrgefühl einstellt.

Auf dem Rückweg nach Mendoza habe ich alle Hände voll zu tun, die Fuhre auf Spur zu halten. Da ich jeden Moment damit rechne, daß der ruinierte Reifen, den man mit dem Finger über einen Zentimeter tief eindrücken kann und der jede Stabilität verloren zu haben scheint, platz, sind mehr als 50 km/h nicht drin. Das ist nicht gerade die Geschwindigkeit, die argentinische PKW- und LKW -Fahrern erfreut. Dichtes Auffahren und gefährliche Überholmanöver würzen diese nicht enden wollende Fahrt.
Im Großraum Mendoza, wo eine Stadt in die nächste übergeht, klappern wir zig Motorrad-Geschäft  ab. Beim dritten oder vierten sind wir dann fündig. 140 EUR für einen Michelin Sirac, den es in Santiago de Chile für 65 EUR gäbe. In diesem Moment bin allerdingsich froh, daß wir überhaupt einen passenden Reifen gefunden haben.

Es ist schon Abend, als wir endlich wieder in unsere ursprüngliche Richtung unterwegs sind.
Schnell dämmert es, brauchbare Spots zum wild campen sind nicht in Sicht und die Campingplätze sau teuer.
Dieser Tag hat uns so geschafft, daß wir irgendwann aufgeben und auf einem eigentlich viel zu teuren Campingplatz bleiben: 80 ARS (fast 14) EUR für nur wenig mehr Komfort als beim wild zelten.

Da gefällt uns der Camping Municipal in Uspallata direkt viel besser: der kostet faire 30 ARS und ist zudem noch attraktiv gelegen.

Außerdem sind schon zwei lustige Motorrad-Fahrer da: der Eidgenosse Peter und der Thailänder Leo.

Der Mann mit dem Beil fährt übrigens eine R1150, die so hoch ist wie er selbst. Und in Sachen Wagemut stellt er so manchen Adventure-Besitzer in den Schatten. Bei den Schilderungen seiner Stürze wird uns teilweise ganz anders. Aber er lacht dann immer nur. Er ist ganz klar einer von denen, bei denen nicht das Fallen zählt, sondern das wieder Aufsteigen und Weiterfahren.

Heute ist übrigens Heilig Abend, der außer in Deutschland kaum irgendwo auf der Welt Feiertags-Charakter hat. So sind wir denn auch ziemlich überrascht als eine spezielle Autokolonne durch die Stadt fährt.
Vorne weg die Feuerwehr. Statt auf einem Rentierschlitten fährt Santa Claus dann auf der Ladefläche eines Trucks, von wo er karnevalsmäßig Süßigkeiten an die Kinder verteilt.
Auf dem zweiten Truck stehen dann noch zwei „Miss Uspallata“, die mich ein bißchen an die Mosel erinnern: auch dort hat manches Dörfchen Probleme, jedes Jahr aufs Neue eine hinreichend attraktive Weinkönigin zu finden. 

Mal abgesehen von dieser kuriosen Karawane geht Weihnachten dieses Jahr irgendwie an uns vorbei.
Letztes Jahr um diese Zeit waren wir in Mexiko, wo es Weihnachtsschmuck in Hülle und Fülle gab. Das wirkte in den tropischen Gefilden zwar total fehl am Platze, erinnerte aber dennoch an zu Hause.
Hier in Argentinien sieht man fast keine Dekorationen. Gefeiert wird das Fest natürlich trotzdem. Der Argentinier wird schließlich eine solche Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Um Mitternacht geht es mit einem Feuerwerk los, das den Startschuß zur örtlichen Party gibt, die wir sammt Lautsprecheransagen aus der Festhalle bis 6 Uhr morgens hören. 

Leo mischt in Sachen Feuerwerk heftig und unermüdlich mit. Man beachte die TÜV geprüfte Vorrichtung für das Feuerrad.


Gemeinsam trinken wir Vier uns dann noch einen festlichen Weihnachts-Schwipps an.
Und so wird es dann doch noch ein feiner (heiliger) Abend.

 



Auf nach Santiago de Chile!

Die Strecke von Mendoza dorthin gilt als besonders schön und wird ihrem Ruf gerecht.

Grandiose Bergkulissen und wenn man aufpaßt, sieht man sogar einen Gletscher rechte Hand.

 

2 km vor der „Punta del Inca“ kommt ein interessanter Bergsteigerfriedhof. Vielfältige Grabsteine und Totengeschenke erinner hier an all die, die bei der Besteigung des höchsten Berges Südamerikas drauf gegangen sind. Sehr interessant.

Kurz danach kommt dann die Punta del Inca, die touristisch dann doch ne andere Liga ist.

In der Nähe des Friedhofs, wo wir die einzigen waren, kann man übrigens auch gratis zelten.

Das ehemalige Termalbad lockt reichlich Besucher und solche, die an das Geld dieser Touristen wollen an.

Mit 3.220 Meter ist der Paß nach Chile der höchste, den wir seit langem gefahren sind.

Das heißt, wir fahren auf dieser Höhe durch den Tunnel. Eigentlich wollten wir den alten Schotterpaß nehmen, der um einiges höher sein muß, denn obwohl wir im T-Shirt auf dem Motorrad schwitzen, ist der alte Paß wegen Eis und Schnee unpassierbar.

 

Der Grenzübergang zu Chile ist angeblich einer der am stärksten frequentierten.

Für uns war er der unorganisierteste, den wir zwischen diesen beiden Ländern bisher hatten.

Eins von vielen Mankos: nicht nur wir bekommen falsche Formulare für den Import der Motorräder, was erst später bemerkt wird und für uns bedeutet: alles wieder von vorne.

Unter anderem muß ich mehrfach den absolut unleserlichen Einreisestempel reklamieren.

Aus Erfahrung weiß ich, was für einen Ärger das bei der Ausreise geben kann.

 

Direkt hinter der Grenz campieren wir bei einem Restaurant.

S32°54.215 W070°16.036

Der Deal ist, daß das Zelten umsonst ist, wenn wir etwas konsumieren.

Ein Eis zu essen und eine Cola zu trinken ist bei der Hitze kein Opfer für uns.

 

 

Nach Santiago wollten wir zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht.

Aber die Recherchen für unsere in Kürze anstehende Motorrad-Verfliegung läuft gerade unglaublich zäh.

Emails zu beantworten, ist in Chile offensichtlich eine seltene Tugend. Und wenn dann mal ne Antwort kommt, dann ist sie in der Regel kryptisch oder äußerst mager vom Informationsgehalt. So bleibt trotz expliziter Frage bei den wenigen Angeboten, die wir bekommen, ungeklärt, ob das tatsächliche Gewicht oder das über die Volumen-Gewichts-Formel berechnete ausschlaggebend ist. Der Unterschied bei den beiden Berechnungsmethoden beträgt schlappe 80%.

Nachdem wir nun jedenfalls seit Wochen per eMail nicht weiter kommen, haben wir uns notgedrungen dazu entschlossen, nach Santiago zu fahren und vor Ort unser Glück zu versuchen.

 

Mal abgesehen davon, daß das Timing (zwischen Weihnachten und Silvester) nicht gerade toll ist, schreckt uns Santiago wegen der hohen Preise. Camping ist unmöglich und Hostels kosten ein Vermögen. Das einzige akzeptable mit Innenhof für die Motorräder hat seine Tore vor einigen Monaten geschlossen.

Frustiert klappern wir eine überteuerte Adresse nach der anderen ab. Teilweise sind die Preise doppelt so hoch, wie auf deren Internetseite angegeben, was eine echte Frechheit ist.

Selbst das Parken der Motorräder würde uns weit mehr kosten, als wir normalerweise für eine Übernachtung auszugeben bereit wären.

 

Am Ende landen wir dann noch einen Glücktreffer. Mehr durch Zufall bin ich mit Scott per Mail in Kontakt gekommen, der in schönster Altstadt-Lage ein Hostal betreibt. S33°26.740 W070 39.935

 

Die Fassade ist weit nobler als das Innere. Sein Hostal, dessen Eingang ohne jegliches Schild ist, hat den „Charme“ eines besetzten Hauses. Nicht nur der Zustand der Bäder garantiert uns, hier keinen High-Budget-Snobs über den Weg zu laufen. Leider müßten wir die Motorräder auf der kaum befahrenen Straße parken, was zwar angeblich halbwegs sicher sein soll, was wir aber grundsätzlich nur sehr ungern machen. Der Preis von 13.000 CLP (knapp 20 EUR) für ein Doppelzimmer ist dafür der absolute Hammer. Dafür hätten wir in keinem anderen Hostal auch nur Dorm-Betten bekommen. Im HI hätten selbst die nehr als das Doppelte gekostet.

 

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Nachtrag vom Januar 2012: das Moai-Hostal, das wir im Kapitl "Chile/Argentinien - Teil 7" vorstellen ist unsere Empfehlung für Santiago de Chile!

 

Scott´s Hostal / Hostal Tales landet da klar auf Platz 2.

 

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Als wir uns abmühen, die Esel auf dem Bürgersteig zu plazieren, spricht uns ein Amerikaner auf Deutsch an. Auch er heißt Scott, ist gut gekleidet und besitzt drei Häuser weiter eine französische Villa, in der er Events veranstaltet. Der Kerl ist super nett und möchte uns gerne helfen. Klasse! Nicht nur, daß wir unsere Kräder bei ihm abstellen dürfen, er läßt auch einige Beziehungen spielen, um uns bei der Verfliegung zu helfen.

Ob letzteres was gebracht hat, können wir derzeit noch nicht sagen.

Aber alleine seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft waren ein positives Erlebnis, das unsere derzeit eher etwas trübe Stimmung hebt!

Am nächsten Tag machen wir uns zum Fracht-Flughafen auf.

S33°24.291 W070°47.488

Ein mühsamer Tag liegt vor uns.

Erfolglos klappern wir die Ground-Handler und Warehouses ab, die man für einen Transport mit LAN Chile zwischen schalten muß. Selbst Adressen, von denen ich sicher weiß, daß sie Motorrad-Transporte nach Neuseeland machen, verneinen. Es ist wie verhext.

Dank der Nettigkeit und Hilfsbereichtschaft einer Mitarbeiterin bei LAN und einer bei Depocargo, kommen wir dann aber doch noch weiter. Im Gegensatz zum sonst üblichen südamerikanischen Prinzip, wo man dann wieder bei jemandem landet, der einem zwar nicht helfen kann, aber jemanden kennt, der garantiert der Richtige ist, kommen wir diesmal in beiden Fällen mit Agenten ins Gespräch, die uns tatsächlich die Motorräder nach NZ verfliegen können.

Nun ja, zumindest der eine hat dann auch wirklich ein brauchbares Angebot gemailt, so daß wir nun wenigstens halbwegs sicher wissen, daß wir die Verfliegung hinbekommen werden und nicht auf Plan B ausweichen müssen.

 

Für Sight-Seeing in Santiago bleibt leider überhaupt keine Zeit.

Unsere Besuch ist wie so oft alleine von praktischen Notwendigkeiten diktiert: wir müssen noch einen Hinterreifen und einige Ersatzteile besorgen und müßten eigentlich auch schon nach Valparaiso unterwegs sein, wo wir Silvester bei Martina und Enzo feiern wollen.

Zu allem Unglück muß Simon auch noch zum Zahnarzt, wo es mal wieder südamerikanisch läuft: trotz Termin wird nur die Hälfte an dem Tag gemacht und sie muß am nächsten Tag nochmal hin.

Wir haben uns mittlerweile notgedrungen an so was gewöhnt.

 

Bei Honda ist man bemüht, hat aber wie eigentlich fast immer in Mittel- und Südamerika so gut wie keine Teile auf Lager. Alles müßte aus Spanien, wo die Transalp produziert wird, bestellt werden. Die Preise sind zudem wenig erfreulich.

Einzig eine sau teure Bremsscheibe wäre da. Von der rät uns Alejandro aber ganz ungeschäftsmäßig ab. Er weiß eine Adresse, wo wir die alte, die von dem Unfall in Brasilien einen Schlag abbekommen hat, richten lassen könnten.

Er gibt sich mächtig Mühe uns zu helfen: bis zum nächsten Tag kann er unseren Wunschreifen auftreiben und wenige Hundert Meter weiter gibt es nach seiner Beschreibung ein Dutzend Motorrad-Teile-Geschäfte, wo wir dann tatsächlich unsere seltenen Bremsbeläge und Zündkerzen bekommen. S33°27.090 W070°38.304

 

Als wir am nächsten Tag dann wirklich die Werkstatt finden und die Bremscheibe für kleines Geld gerichtet bekommen, sind wir erleichtert!

Mal wieder ist das Monster „To Do List“ um einige Punkte kürzer geworden. Aber wie mit der mythischen Hydra, wächst auch diesem Monster mit jedem abgeschlagenen Kopf ein neuer.

 

 

 

hier geht unsere Reise weiter: Chile - Teil 5