1 Jahr "on the road"

Vor mir glitzert die Karibik im Sonnenlicht und ich schaue auf eine Insel, die so klischeehaft schön ist, daß sie gerade aus einem Pauschal-Reise-Katalog entsprungen sein könnte.
Vorgestern haben wir im Norden Panamas unsere treuen Motorräder auf einen Katamaran geladen, mit dem wir nun auf dem Weg durch die traumhafte Welt des San Blas Archipels gen Kolumbien sind!
Weit weg ist das alte Leben, das wir früher geführt haben. Dennoch sehr nah sind uns die Menschen, die wir in Deutschland zurückgelassen haben und zu denen unsere Gedanken oft wandern.
In wenigen Tagen sind wir ein Jahr „on the road“!
Das außergewöhnlichste und glücklichste Jahr unseres Lebens!
Dabei waren der Reisestil und die Erfahrungen der beiden Halb-Jahre ziemlich unterschiedlich:
Die ersten sechs Monate sind wir durch Kanada, Alaska und die Lower48 der USA gereist. Jede warme Mahlzeit wurde auf unserem Benzinkocher von uns selbst zubereitet und es wurde immer gezeltet - so oft es ging wild.
In einem Bett haben wir in der Zeit nur dann geschlafen, wenn uns Motorrad-Fahrer zu sich eingeladen haben. Das kam dank Internet-Motorrad-Reise-Foren nicht selten vor und war ein großartige Erfahrung: so haben wir einen hautnahen Einblick in den Alltag von Menschen erhalten, die in diesen Ländern leben.
Reisige Distanzen bestimmten unseren Reise-Alltag und führten dazu, daß praktisch ständig an den Motorrädern irgendeine Wartungsarbeit anstand oder in den nächsten Tagen (was einigen 1.000 km entsprechen konnte) irgendein Verschleißteil fällig war. Das immer zu planen und die Beschaffung zu organisieren, war eine Herausforderung und teilweise auch eine mentale Belastung.
Eine wesentlich Erkenntnis dieser Phase: wer viel fährt, hat viel Aufwand und vor allem hohe Kosten!
Die Kosten waren anfangs wie eine schwarze Wolke, die immer über uns schwebte. Alles hatte plötzlich ein Preisschild und es fiel uns teilweise schwer, uns davon nicht den Spaß verderben zu lassen.
Mittlerweile sehen wir das entspannter, auch wenn das Thema nach wie vor ein dominantes bleibt. Hilfreich war für uns, uns klarzumachen, was uns wirklich wichtig ist. Für solche Dinge Geld auszugeben ist gerechtfertigt. Dumm ist es, wenn man aus Faulheit oder Ignoranz sinnlos Geld verplempert.
Seit Mexiko sehen wir das Thema Kosten natürlich noch aus einem anderen Grunde etwas entspannter: es ist alles viel billiger geworden.
Dadurch, daß zumindest einige der Länder hier wirklich günstig sind (Belize, Costa Rica und Panama weniger) konnten wir uns viel öfter leisten, Essen zu gehen bzw. uns Essen an Ständen zu kaufen. Auch Hotels waren plötzlich erschwinglich bzw. teilweise aus Sicherheitsgründen sogar unumgänglich.
Auch wenn Mexiko geographisch zum überwiegenden Teil zu Nordamerika zählt, so ist es kulturell und sprachlich doch eher Mittelamerika.
War Nordamerika noch in Vielem unserer Heimat ähnlich, so fühlte sich Latein-Amerika viel abenteuerlicher und exotischer an. Was Ersatzteilversorgung, technisches Niveau, Straßenzustand, Korruption und vieles andere anging, waren wir in der dritten Welt angekommen. Alles war ein bißchen chaotischer und unorganisierter. Sicherheit wurde zu einem großen Thema, wobei wir nach sechs Monaten Mexiko und Mittelamerika sagen können: mit gesundem Traveller-Verstand und unter Beachtung einfacher Regeln braucht man sich vor diesen Ländern nicht zu fürchten. Aber unterschätzen sollte man die Gefahren auch nicht!
Unser Reisetempo hat sich im zweiten Halbjahr massiv entschleunigt: haben wir in Nordamerika noch bis zu 10.000 km pro Monat gefahren, so sind wir in Mittelamerika auf wenige Tausend pro Monat runter. Zum Teil haben wir das gemacht, weil einige Länder schön, einladend und vor allem sehr billig waren und es somit Sinn machte, dort länger zu verweilen. Zum Anderen haben wir uns aber auch mal Zeit genommen, um in Simons Fall zwei Wochen Sprachschule und zwei Wochen Hunde-Heim zu machen oder in meinem Fall, um die untätowierten Stellen meines Körpers mit einigen Reiseandenken weiter zu reduzieren. Einige Wochen an ein und dem selben Ort zu verbringen, war eine ganz neue Erfahrung.
Auch ohne Spanisch kommt man ohne große Probleme in Mittelamerika klar. Es spricht zwar kaum jemand Englisch, aber das Spanische hat genug Wörter, die deutschen, englischen oder französischen ähneln, um genug zu verstehen und klar zu kommen. Und die Menschen geben sich i.d.R. auch Mühe zu ergründen, was man zu sagen versucht.
Dennoch ist es ein schweres Handycap, daß ich kein Spanisch spreche, da man dadurch stark isoliert ist. Oftmals bin ich auf Simon neidisch, die sich jeden Tag besser auf spanisch schlägt. Tiefsinnige Gespräche mit Einheimischen, wie wir sie in Nordamerika im ersten Halbjahr oft geführt haben, sind so unmöglich und das fehlt uns manchmal.
Allerdings trifft man ziemlich oft andere Langzeitreisende, mit denen man auf Deutsch oder Englisch redet.
All die Globetrotter bilden so etwas wie eine große Gemeinschaft und sind Teil unseres Lebens geworden. Trotz vielfältiger Gefährte und sehr unterschiedlicher Lebens- und Reisemodelle hat man doch eins gemeinsam: dauerhaft auf Achse zu sein. Alle paar Tage kommt man wieder an einen Ort, wo schon wer anderes ist, den man entweder kennt oder der jemanden kennt, den man auch kennt. Ein bißchen Klatsch und Tratsch a la „habt Ihr schon gehört, was mit XYZ passiert ist“, aber vor allem der Austausch handfester Infos, Bücher, Landkarten etc. und auch gegenseitige Hilfe gehört zum Ritual.
Wir hatten manch interessante Begegnung und haben viele schöne Abende mit Reise-Freunden verbracht und doch ist es nach wie vor kein Ersatz für die langjährige Freundschaften, die man zu Hause hat. Freude und Familie missen zu müssen, ist nach wie vor das größte Manko am Dauer-Reisen für uns.
Als wir die Reise begonnen haben, war der grobe Plan, die Americas zu bereisen und wir hatten sehr vage die Option im Hinterkopf, eine Weltreise daraus werden zu lassen.
Da uns das Vagabunden-Leben aber so gut gefällt und wir auch gut miteinander auskommen (was die größte Herausforderung beim Dauerreisen ist!), ist nun beschlossene Sache, daß wir auf unseren eigenen Rädern wieder nach Hause fahren wollen. Sprich: einmal um die Welt ist nun das Motto! Von Südamerika wird es im ersten Quartal 2012 wahrscheinlich nach Neuseeland gehen und dann über Australien, Asien und den nahen Osten heimwärts.
Aber vielleicht wird unsere Route auch ganz anders verlaufen. Denn eins haben wir mittlerweile gelernt: es kommt oftmals anderers als geplant! Und das ist auch gut so und macht einen großen Reiz dieses Lebensstils aus!
hier geht unsere Reise weiter: Darien Gap