Vancouver - Ende Juni 2010
Entlang des Howe Sounds fahren wir nach Vancouver - der Stadt mit der höchsten mir bekannten Siegerländer-Dichte (4) in ganz Kanada.

Keine Reisesendung und kein Reiseführer verpaßt es zu erwähnen: Vancouver gehört zur absoluten Weltspitze, was die Lebensqualität angeht.
Nach dem ersten Tag können wir dem nur zustimmen: Grandiose Natur in allen Variationen (Meer + Berge) in jeder der vier Himmelsrichtungen und in kürzester Zeit von der Millionen-Metropole aus zu erreichen.
Dazu alles was wir von einer großen Stadt erwarten: Multi-Kulti (z.B. spannendes Chinesenviertel, in dem wir zum ersten mal in Kanada richtig günstig essen und einkaufen) und Subkulturleben ganz nach unserem Geschmack: wir haben an diesem Wochenende die Wahl zwischen Roller-Blade-Derby, mehreren Burlesque Shows, diversen Punkrock und Rock-a-Billy-Konzerten und zig coolen Bars.
Nachmittags sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein in einem Biergarten und gönnen uns ein Bier. Die Masse der Gäste um uns herum ist tätowiert und könnte genausogut im Biergarten des Kölner Sonic Ballrooms den Sommertag genießen.
Der Chinese ist ALLES!
Aber es gibt auch Schattenseiten: mit dem sicheren Gespür naiver Touristen haben wir den „gefährlichsten Ort Kanadas“ (O-Ton eines netten Einheimischen, der selbst kräfigt gepierct und tätowiert ist) gefunden: die East Hastings Street!
In Reportagen hatten wir davon gehört, waren aber nicht auf das Ausmaß gefaßt: man nehme die offene Drogenszene der 80er von Frankfurt, Berlin und Zürich zusammen und sie wäre immer noch VIEL kleiner und harmloser als das hier: Hunderte total abgefuckter Gestalten. Crack-Zombies, die mit stumpfen Blick durch die Gegend schwanken. H-Junkies, die auf offener Straße verzweifelt ihren Körper nach einer Stelle absuchen, in die sie die Nadel noch einzudringen vermag. Übelst abgehalfterte Nutten, bei denen man sich nicht mal mit viel Phantasie vorstellen kann, welcher Perverser bereit ist, Geld für so was auszugeben. Dealer en Mass an jeder Ecke.
Hier hat keiner Angst vor den Bullen.
Das hier ist das krasseste, was ich in der Beziehung je gesehen habe.
Im Laufe unserer Downtown-Erkundung kreuzen wir diesen ca. 1km langen Vorhof der Hölle immer wieder. Auch wenn wir ein ziemlich mulmiges Gefühl haben, angemacht oder angeschnorrt werden wir kein einziges mal.

Am zweiten Abend treffen wir uns mit zwei Siegerländern: Paddy, einem alten Kumpel, aus Kölner Punk-Rock-Tagen und seiner Frau Tanja. Klare Ansage von allen Seiten für den Abend: gemütlich ein paar Bierchen trinken! Keine Exzesse! Wir wollen am nächsten Tag für weitere Erkundungen zu Fuß fit sein und Paddy macht einen Berufs-Ausbildungs-Kurs als Fire-Fighter samt Prüfung am nächsten Tag.
Obiges Bild zeigt übrigens eine Vergehen: Alk in der Öffentlichkeit ist auch in Kanada nicht erlaubt.
Der eine oder andere dem Alkohol oder der Unvernunft zugeneigte Leser kennt vielleicht diese Art von Situation: statt unserem Vorsatz treu zu bleiben, folgte ein „letztes Bierchen“ auf das nächste und der Durst wollte so gar nicht weniger werden.
In angeschlagenem Zustand sind wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Schusters Rappen heimwärts. Nicht ohne währenddessen ein klein bißchen daran zu zweifeln, ob es uns gelingen würde, zurück zu finden...
Als wir am nächsten Tag wieder stundenlang zu Fuß die Stadt erkundeten, kam uns ein, zwei mal der Gedanke, daß ein abstinentes Leben vielleicht doch Vorteile haben könnte.
Paddy hat ebenfalls am nächsten Tag gelitten, die Prüfung aber dennoch bestanden. Letztendlich bestätigt das nur meine Meinung von Feuerwehrleuten auf der ganzen Welt: die können alle eins besonders gut: den eigenen Durst löschen.
@ Erik / Schaui: erinnert ihr Euch noch an den Ungarischen Feuerwehrmann, der uns am Theiss-See der Reihe nach unter den Tisch getrunken hat?

Am nächsten Abend sind wir bei Peter und Warren zu Gast. Zwei Beamern, wie man hier sagt: BMW-Fahrer, die wir über das Anonymus-Buch gefunden haben.
Wir haben einen witzigen Abend mit den beiden und schlafen nochmal in einem richtigen Bett. Herrlich.
Auf das noble Haus sind wir vor allem aus einem Grund neidisch: von der Küche geht es auf die Terasse (unter der die Motorrad-Garage ist) und man kann von dort genüßlich auf die Motorräder (der Gäste) im Garten schauen. Ein perfektes Arrangement.
Mit einem Getränk in der Hand von der Terasse auf die Motorräder im Garten/Hof schauen zu können, ist genau unser Ideal von einem „Häuschen“.

Aller guten Dinge sind drei: am nächsten Tag sind wir bei Jimmy, einem alten Freund aus Siegerländer Psycho-Billy-Zeiten, den ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe.
Wir haben einen dollen Abend, an dem wir eine Menge spannender kanadischer Biersorten durchprobieren und u.a. eine uralte Geschichte die nächste jagt. Ein für Simon seit Jahren ungekanntes Erlebnis: keine zigste Wiederholung, sondern zur Abwechslung mal NEUE Anekdoten.
Vom vielen Bier werden wir so „müde“, daß wir uns die Mühe des Matratze-Aufblasens schenken. Am nächsten Morgen erinnert mich mein Rücken daran, daß ich kein 18jähriger fideler Psycho-Billy mehr bin. Egal: die alten Heldengeschichten vom Vorabend wirken noch nach, wie dieses am nächsten Morgen aufgenommene Foto belegt.